Gesundheitsmanagement und Work-Life-Balance
Zunehmende Arbeitsverdichtung, Zeitdruck, neue Anforderungen und Umorganisationen sowie Stellenabbau und eine immer älter werdende Belegschaft kennzeichnen zurzeit die Situation im öffentlichen Dienst. Macht die Arbeit unter diesen Bedingungen krank? Viele Beispiele aus dem Umfeld scheinen dafür zu sprechen. Und was kann der öffentliche Dienst tun, um auf diese Situation angemessen zu reagieren?
Der Erhalt und die Stabilisierung der Arbeitsfähigkeit stehen im Fokus des Gesundheitsmanagements. Betriebliches Gesundheitsmanagement ist aber viel mehr als Arbeitsschutz! Es bezieht die Gesundheit der Beschäftigten als strategischen Faktor in die dienstlichen Abläufe und die Entwicklung der Verwaltungskultur ein. Gesundheitsmanagement trägt dazu bei, dass die Beschäftigten auch bei steigenden Belastungen gesund, leistungsfähig und motiviert bleiben. Damit wird ein wesentlicher Beitrag geleistet, die Produktivität weiter zu steigern und Kosten zu senken. |
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Dabei müssen die Bedürfnisse unterschiedlicher Beschäftigtengruppen, die jeweiligen Arbeitsbedingungen sowie die Unterschiede zwischen Frauen und Männern und die Potenziale der älteren Beschäftigten berücksichtigt werden. So sind in der öffentlichen Verwaltung die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Durchschnitt älter als in der Privatwirtschaft und sie beschäftigt wesentlich mehr Schwerbeschädigte als die Privatwirtschaft.
Gesundheitliche Beschwerden von Erwerbstätigen
Zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden Erwerbstätiger zählen:
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In den letzten Jahren sind insbesondere die psychischen Erkrankungen gestiegen. Psychische Erkrankungen verursachen mit durchschnittlich 22,5 Tagen die längsten Fehlzeiten (AOK Fehlzeitenreport 2009).
Stress, Mobbing und Burnout
StressFast alle Erwerbstätigen fühlen sich irgendwann einmal durch Termin- und/oder Leistungsdruck gestresst, aber die meisten geben an, diesen Stress gut im Griff zu haben. Gefährlich wird Stress erst, wenn der Druck dauerhaft und nicht mehr handhabbar ist. Psychosomatische Begleitfolgen sind: Schnelles Ermüden, Kopfschmerzen, Herzklopfen, Atemnot, empfindlicher Magen, Schwindelgefühle, Schmerzen in der Herzgegend, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Mattigkeit etc. Besonders stressgefährdet sind Personen mit hohen Ambitionen, die sich hohe Ziele setzen und die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Stress zu einer der großen Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts erklärt. |
Mobbing, Bullying, Bossing
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Burnout
Burnout meint einen Zustand psychophysischer Ermüdung und Erschöpfung (ausgebrannt sein), der häufig mit somatischen Beschwerden gekoppelt ist. Geprägt wurde der Begriff vom Psychoanalytiker Herbert Freudenberger: „ein Feuer, das seine Ressourcen aufgebraucht hat“. Burnout ist im eigentlichen Sinne gar keine Krankheit, sondern ein Zustand von körperlicher, geistiger und psychischer Erschöpfung, den die üblichen Ausruhzeiten eines ganz normalen Lebensalltags nicht mehr abfangen können. Die Symptome sind diffus bis hin zu schweren psychischen Beschwerden wie Schlaf- und Verdauungsprobleme, Kopf- und Rückenschmerzen, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Anfälligkeiten. Psychisch zeigen sich starke Reizbarkeit, Selbstzweifel, Gefühle von Hilflosigkeit, Überforderung, Isolation bis zu schwerer Depression mit Selbsttötungsgedanken. Bestimmungsfaktoren (nach O`Driscoll & Cooper, 1996)
Frauen sind anfälliger für Burnout als Männer. Betroffen sind fast immer Personen, die mit hohem Engagement und Leistungswillen an Aufgaben herangehen. In ihrer Begeisterung bemerken sie den Raubbau am eigenem Körper nicht: „Nur wer gebrannt hat, kann auch ausbrennen“ (Matthias Burisch, Burnout-Spezialist). Literatur: Ralf D. Brinkmann: Mobbing, Bullying,
Bossing. Treibjagd am
Arbeitsplatz, Sauer-Verlag, Heidelberg
2002 |
Fehlzeiten, Präsentismus und Absentismus
Krankheitsbedingte Fehlzeiten variieren nach dem Alter der
Beschäftigten und nach dem beruflichen Status: Ältere Beschäftigte
weisen höhere Fehlzeiten auf als jüngere und Beschäftigte in unteren
Funktionen sind häufiger absent als diejenigen in hohen Funktionen.
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Systematik |
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| krank |
gesund |
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| Abwesenheit/ Krankmeldung |
Arbeitsunfähigkeit krank |
Absentismus „Blau-machen“ |
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Anwesenheit |
Präsentismus Anwesenheit trotz Erkrankung |
Arbeitsfähigkeit |
Präsentismus liegt dann vor, wenn Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit gehen. "Arbeiten bis der Arzt kommt" oder "Schuften bis zum Umfallen", dieses Verhalten zeigen zum einen Menschen, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben, zum anderen aber auch Menschen in hohen beruflichen Statusfunktionen, die ihr Arbeitspensum in der normalen Arbeitszeit gar nicht mehr schaffen können. Ein hohes Maß an Überstunden fällt in der Regel hier mit dem Präsentismus zusammen. Das Gegenteil ist der Absentismus, der umgangssprachlich auch "Krankfeiern" oder "Blau machen" genannt wird.
Gesundheitsverhalten von Frauen und Männern
Die Belastungen von Frauen und Männern unterscheiden sich durch die verschiedenen beruflichen Tätigkeiten und die zusätzlichen Arbeitsanforderungen aus der privaten Arbeit. So sind
Frauen häufiger auf Arbeitsplätzen mit geringeren Entscheidungs- und Mitsprachespielräumen beschäftigt
Männer überproportional in Führungspositionen vertreten
Frauen zu einem viel höheren Anteil in Teilzeit beschäftigt.
Auf der anderen Seite entwickeln Frauen und Männer aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebensrealität und sozialer Rollenanforderungen ein differentes Gesundheitsverhalten.
Zentrale geschlechterspezifische Unterschiede im Gesundheitsverhalten und -verständnis sind:
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Geschlechtsspezifische Gesundheitskonzepte |
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| Frauen |
Männer
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| Gesundheits- |
= körperliches und seelisches Wohlbefinden |
= Abwesenheit von Krankheit, Erhalt der Leistungsfähigkeit |
| Gesundheits-empfinden/- aufmerksamkeit |
relativ hohe Symptomaufmerksamkeit, günstiges präventives Gesundheitsverhalten |
erkennen Krankheitssymptome später, insgesamt ein ungünstiges präventives Gesundheitsverhalten |
Der Faktor Alter spielt hierbei eine zusätzliche Rolle, da sich diese Ausprägungen bei jüngeren Frauen und Männer weniger unterscheiden als bei älteren.
Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben (Work-Life-Balance)
Eine gute Balance zwischen Beruf und privatem Leben fördert die Ausgeglichenheit, die Stressresistenz, die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden. Die Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben bzw. der Gedanke des "Work-Life-Balance" geht über den Anspruch einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf hinaus. Es soll Möglichkeiten bieten, eine Balance zwischen Beruf und Privatleben für alle Beschäftigten zu ermöglichen: sowohl für Frauen wie Männer, Paare wie Alleinlebende, Eltern wie Kinderlose.
Durch die bisherige Trennung von Beruf und Privatleben entstehen spezifische Stressfaktoren (Doppel- bzw. Dreifachbelastungen durch Kindererziehung, Haushalt, pflegebedürftige Angehörige, gesellschaftliches Engagement, Ehrenamt etc.), aber auch gesundheitliche Ressourcen. So kann z.B. der tägliche Umgang mit Kindern einen Ausgleich zu den beruflichen Anforderungen darstellen. Umgekehrt kann die berufliche Arbeitssituation gegenüber den Anforderungen im privaten Bereich auch als Entlastung empfunden werden - als ein Abschalten von häuslichen und/oder pflegerischen Anforderungen.
Betriebliches Gesundheitsmanagement
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Ein betriebliches Gesundheitsmanagement umfasst alle Maßnahmen, die die individuelle Gesundheit der Beschäftigten fördert, aber auch ebenso die Arbeitsorganisation, die Arbeitsumgebung und die Arbeitsprozesse. Arbeits- und organisationspsychologische Untersuchungen zeigen, dass insbesondere die Arbeitsorganisation, die Art der Führung und die herrschende Verwaltungskultur wesentlich zur Gesundheit der Beschäftigten beitragen können. |
Statistische Grundlagenanalyse (Personalstruktur nach, Alter, Geschlecht, Beruf/Qualifikation, Statusgruppen, Vollzeit-/Teilzeitbeschäftigung)
Gesundheitsbericht (anonymisierter krankheitsbedingter Fehlzeitenreport)
Experten/innen-Gespräch (typische wiederkehrende Belastungen ermitteln)
Gefährdungsbeurteilung (Ermittlung und Beurteilung der Gefährdungen, denen Beschäftigte bei ihrer Tätigkeit ausgesetzt sind)
Arbeitssituationsanalyse (subjektive Beurteilung der Arbeitssituation einschließlich der Belastungen durch die Beschäftigten)
Mitarbeitergespräch und Führungsfeedback (Thematisierung im Dialog; Voraussetzung ist, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen Mitarbeiter/in und Führungskraft besteht)
Mitarbeiterbefragung (eine schriftliche oder mündliche Befragung der Mitarbeiter/innen gilt als wichtiges Instrument der Mitarbeiterbeteiligung beim Aufbau eines Gesundheitsmanagements)
Gesundheitszirkel (regelmäßige Treffen, in denen die Belastungen am Arbeitsplatz thematisiert werden, die Ursachen hierfür analysiert werden und gemeinsame Lösungsansätze zur Verbesserung der Arbeitssituation entwickelt werden).
(KGSt-Bericht Nr. 1/2005: Betriebliches Gesundheitsmanagement als Führungsaufgabe >>> www.kgst.de)
Beispiel für einen Gesundheitsförderungsbericht: >>> Bundesministerium des Innern, Gesundheitsförderungsbericht 2008, pdf-Datei 650 KB
Angebote von KOMMA: Psychische Gesundheit - Prävention als Chance
Für Führungskräfte, Personalverantwortliche, Vertreter/innen von Interessensgruppen sowie für betroffene Kolleginnen und Kollegen bietet das Kompetenzzentrum für Verwaltungsmanagement ein Beratungs- und/oder Weiterbildungsseminar an.
Die Schwerpunkte umfassen
das Darstellen der am häufigsten im beruflichen Kontext auftretenden psychischen Erkrankungen: Typische Symptome, Dauer und Verlauf der Erkrankung etc.
die Entwicklung alltäglicher Präventionsstrategien zur Reduzierung der Auftretenswahrscheinlichkeit trotz ungünstiger werdender Arbeitsbedingungen
die Entwicklung von Wiedereingliederung unterstützender Maßnahmen und Verhaltensweisen
die Stabilisierungsmöglichkeiten zurückkehrender Kolleginnen und Kollegen
die positiven Generalisierungseffekte von Wiedereingliederungsprozessen: Wie kann eine Abteilung positiv mit der psychischen Erkrankung einer Kollegin oder eines Kollegen umgehen
die Verbindung von Basisinformationen mit individuellem Beratungsbezug.



