Gesundheitsmanagement und Work-Life-Balance

Zunehmende Arbeitsverdichtung, Zeitdruck, neue Anforderungen und Umorganisationen sowie Stellenabbau und eine immer älter werdende Belegschaft kennzeichnen zurzeit die Situation im öffentlichen Dienst. Macht die Arbeit unter diesen Bedingungen krank? Viele Beispiele aus dem Umfeld scheinen dafür zu sprechen. Und was kann der öffentliche Dienst tun, um auf diese Situation angemessen zu reagieren?

Der Erhalt und die Stabilisierung der Arbeitsfähigkeit stehen im Fokus des Gesundheitsmanagements. Betriebliches Gesundheitsmanagement ist aber viel mehr als Arbeitsschutz!  Es bezieht die Gesundheit der Beschäftigten als strategischen Faktor in die dienstlichen Abläufe und die Entwicklung der Verwaltungskultur ein. Gesundheitsmanagement trägt dazu bei, dass die Beschäftigten auch bei steigenden Belastungen gesund, leistungsfähig und motiviert bleiben. Damit wird ein wesentlicher Beitrag geleistet, die Produktivität weiter zu steigern und Kosten zu senken.

 

Dabei müssen die Bedürfnisse unterschiedlicher Beschäftigtengruppen, die jeweiligen Arbeitsbedingungen sowie die Unterschiede zwischen Frauen und Männern und die Potenziale der älteren Beschäftigten berücksichtigt werden. So sind in der öffentlichen Verwaltung die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Durchschnitt älter als in der Privatwirtschaft und sie beschäftigt wesentlich mehr Schwerbeschädigte als die Privatwirtschaft.


Gesundheitliche Beschwerden von Erwerbstätigen

Zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden Erwerbstätiger zählen:


 
    1. Nacken- und Schulterschmerzen
    2. Müdigkeit, Mattigkeit, Erschöpfung
    3. Rücken- und Kreuzschmerzen
    4. Kopfschmerzen
    5. Arm- und Handschmerzen
    6. Schlafstöungen
    7. Nervosität, Reizbarkeit
    8. Naselaufen, Niesreiz
    9. Husten
    10. Ausgebranntsein, Burnout
    11. Herz- und Brustschmerzen, Stiche
    12. Schwindelgefühl
    13. Depression
    14. Atemnot

In den letzten Jahren sind insbesondere die psychischen Erkrankungen gestiegen. Psychische Erkrankungen verursachen mit durchschnittlich 22,5 Tagen die längsten Fehlzeiten (AOK Fehlzeitenreport 2009).


Stress, Mobbing und Burnout

Stress

Fast alle Erwerbstätigen fühlen sich irgendwann einmal durch Termin- und/oder Leistungsdruck gestresst, aber die meisten geben an, diesen Stress gut im Griff zu haben. Gefährlich wird Stress erst, wenn der Druck dauerhaft und nicht mehr handhabbar ist. Psychosomatische Begleitfolgen sind: Schnelles Ermüden, Kopfschmerzen, Herzklopfen, Atemnot, empfindlicher Magen, Schwindelgefühle, Schmerzen in der Herzgegend, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Mattigkeit etc.

Besonders stressgefährdet sind Personen mit hohen Ambitionen, die sich hohe Ziele setzen und die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Stress zu einer der großen Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts erklärt.


Mobbing, Bullying, Bossing

Der Begriff leitet sich vom englischen „to mob“ ab, was so viel heißt wie bedrängen, anpöbeln, attackieren, angreifen. Von Mobbing wird gesprochen, wenn jemand am Arbeitsplatz häufig über einen längeren Zeitraum schikaniert, drangsaliert oder benachteiligt und ausgegrenzt wird.

Im angelsächsischen Sprachraum hat sich der Begriff „Bullying“ durchgesetzt, der soviel wie tyrannisieren, einschüchtern oder schikanieren bedeutet. Der Begriff wird inzwischen wissenschaftlich synonym zu Mobbing verwendet. Für die systematische Schikane durch Vorgesetzte beginnt sich der Begriff „Bossing“ herauszukristallisieren.

Die häufigste Mobbing-Handlung ist das Verbreiten von Gerüchten und Unwahrheiten, womit das persönliche und fachliche Ansehen der betroffenen Person in Frage gestellt wird. Es folgen: falsche Bewertung von Arbeitsleistungen, Sticheleien und Hänseleien, Verweigerung wichtiger Informationen, massive und ungerechte Kritik an der Arbeit, Ausgrenzung und Isolierung, Darstellung als unfähig, Beleidigungen, Arbeitsbehinderung, Arbeitsentzug.


Burnout

Burnout meint einen Zustand psychophysischer Ermüdung und Erschöpfung (ausgebrannt sein), der häufig mit somatischen Beschwerden gekoppelt ist. Geprägt wurde der Begriff vom Psychoanalytiker Herbert Freudenberger: „ein Feuer, das seine Ressourcen aufgebraucht hat“. Burnout ist im eigentlichen Sinne gar keine Krankheit, sondern ein Zustand von körperlicher, geistiger und psychischer Erschöpfung, den die üblichen Ausruhzeiten eines ganz normalen Lebensalltags nicht mehr abfangen können.

Die Symptome sind diffus bis hin zu schweren psychischen Beschwerden wie Schlaf- und Verdauungsprobleme, Kopf- und Rückenschmerzen, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Anfälligkeiten. Psychisch zeigen sich starke Reizbarkeit, Selbstzweifel, Gefühle von Hilflosigkeit, Überforderung, Isolation bis zu schwerer Depression mit Selbsttötungsgedanken.

Bestimmungsfaktoren (nach O`Driscoll & Cooper, 1996)

    • "Emotionale Erschöpfung" = Gefühl der Überbeanspruchung, des Energieverlusts und des Ausgelaugtseins.
    • "Depersonalisierung" = Distanzierung, Gefühllosigkeit und zynische Haltung (gegenüber Klienten/innen, Kunden/innen und der Arbeitsaufgabe)
    • "(Reduzierte) persönliche Erfüllung und Leistungsfähigkeit" = Unzufriedenheit mit der eigenen Person, wachsendes Gefühl der Inkompetenz

Frauen sind anfälliger für Burnout als Männer. Betroffen sind fast immer Personen, die mit hohem Engagement und Leistungswillen an Aufgaben herangehen. In ihrer Begeisterung bemerken sie den Raubbau am eigenem Körper nicht: „Nur wer gebrannt hat, kann auch ausbrennen“ (Matthias Burisch, Burnout-Spezialist).

Literatur:

Ralf D. Brinkmann: Mobbing, Bullying, Bossing. Treibjagd am Arbeitsplatz, Sauer-Verlag, Heidelberg 2002
Sven Max Litzcke, Horst Schuh: Stress, Mobbing und Burn-out am Arbeitsplatz, Springer-Verlag, Heidelberg 2005
KGSt-Bericht 1/2005: Betriebliches Gesundheitsmanagement als Führungsaufgabe.


Fehlzeiten, Präsentismus und Absentismus

Krankheitsbedingte Fehlzeiten variieren nach dem Alter der Beschäftigten und nach dem beruflichen Status: Ältere Beschäftigte weisen höhere Fehlzeiten auf als jüngere und Beschäftigte in unteren Funktionen sind häufiger absent als diejenigen in hohen Funktionen.


Systematik

krank

gesund

Abwesenheit/

Krankmeldung

Arbeitsunfähigkeit

krank

Absentismus

„Blau-machen“


Anwesenheit

Präsentismus

Anwesenheit trotz Erkrankung


Arbeitsfähigkeit



Präsentismus liegt dann vor, wenn Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit gehen. "Arbeiten bis der Arzt kommt" oder "Schuften bis zum Umfallen", dieses Verhalten zeigen zum einen Menschen, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben, zum anderen aber auch Menschen in hohen beruflichen Statusfunktionen, die ihr Arbeitspensum in der normalen Arbeitszeit gar nicht mehr schaffen können. Ein hohes Maß an Überstunden fällt in der Regel hier mit dem Präsentismus zusammen. Das Gegenteil ist der Absentismus, der umgangssprachlich auch "Krankfeiern" oder "Blau machen" genannt wird.


Gesundheitsverhalten von Frauen und Männern

Die Belastungen von Frauen und Männern unterscheiden sich durch die verschiedenen beruflichen Tätigkeiten und die zusätzlichen Arbeitsanforderungen aus der privaten Arbeit. So sind

Auf der anderen Seite entwickeln Frauen und Männer aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebensrealität und sozialer Rollenanforderungen ein differentes Gesundheitsverhalten.


Zentrale geschlechterspezifische Unterschiede im Gesundheitsverhalten und -verständnis sind:



Geschlechtsspezifische Gesundheitskonzepte

Frauen

Männer

Gesundheits-
definition

= körperliches und seelisches Wohlbefinden

= Abwesenheit von Krankheit, Erhalt der Leistungsfähigkeit

Gesundheits-empfinden/-

aufmerksamkeit

relativ hohe Symptomaufmerksamkeit, günstiges präventives Gesundheitsverhalten

erkennen Krankheitssymptome später, insgesamt ein ungünstiges präventives Gesundheitsverhalten


Der Faktor Alter spielt hierbei eine zusätzliche Rolle, da sich diese Ausprägungen bei jüngeren Frauen und Männer weniger unterscheiden als bei älteren.


Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben (Work-Life-Balance)

Eine gute Balance zwischen Beruf und privatem Leben fördert die Ausgeglichenheit, die Stressresistenz, die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden. Die Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben bzw. der Gedanke des "Work-Life-Balance" geht über den Anspruch einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf hinaus. Es soll Möglichkeiten bieten, eine Balance zwischen Beruf und Privatleben für alle Beschäftigten zu ermöglichen: sowohl für Frauen wie Männer, Paare wie Alleinlebende, Eltern wie Kinderlose.

Durch die bisherige Trennung von Beruf und Privatleben entstehen spezifische Stressfaktoren (Doppel- bzw. Dreifachbelastungen durch Kindererziehung, Haushalt, pflegebedürftige Angehörige, gesellschaftliches Engagement, Ehrenamt etc.), aber auch gesundheitliche Ressourcen. So kann z.B. der tägliche Umgang mit Kindern einen Ausgleich zu den beruflichen Anforderungen darstellen. Umgekehrt kann die berufliche Arbeitssituation gegenüber den Anforderungen im privaten Bereich auch als Entlastung empfunden werden - als ein Abschalten von häuslichen und/oder pflegerischen Anforderungen. 


Betriebliches Gesundheitsmanagement

 

 Ein betriebliches Gesundheitsmanagement umfasst alle Maßnahmen, die die individuelle Gesundheit der Beschäftigten fördert, aber auch ebenso die Arbeitsorganisation, die Arbeitsumgebung und die Arbeitsprozesse. Arbeits- und organisationspsychologische Untersuchungen zeigen, dass insbesondere die Arbeitsorganisation, die Art der Führung und die herrschende Verwaltungskultur wesentlich zur Gesundheit der Beschäftigten beitragen können.

Instrumente eines Gesundheitsmanagements sind:

(KGSt-Bericht Nr. 1/2005: Betriebliches Gesundheitsmanagement als Führungsaufgabe >>> www.kgst.de)

Beispiel für einen Gesundheitsförderungsbericht: >>> Bundesministerium des Innern, Gesundheitsförderungsbericht 2008, pdf-Datei 650 KB


Angebote von KOMMA: Psychische Gesundheit - Prävention als Chance

Für Führungskräfte, Personalverantwortliche, Vertreter/innen von Interessensgruppen sowie für betroffene Kolleginnen und Kollegen bietet das Kompetenzzentrum für Verwaltungsmanagement ein Beratungs- und/oder Weiterbildungsseminar an.

Die Schwerpunkte umfassen

Flyer - Angebot "Psychische Gesundheit - Prävention als Chance"

Flyer - Angebot "Rückkehrgespräche sicher führen"